Piratez Moi!

[ #musik #gema #politik ]

Warum sich Musik nicht in Schall und Rauch, sondern in Geld auflöst

Wir schreiben das Jahr 1983. Ein junger Musiker, der zuvor den Weltrekord brach, indem er über eine Millionen Zuschauer zu seinem Konzert lockte und zwei Jahre später als erster westliche Interpret in China auftreten durfte, entschied sich wiederum zwei Jahre später zu einem sehr ungewöhnlichen Schritt. Er komponierte ein Album. Er versteigerte das Album für einen guten Zweck. Dann ließ er die Masterplatten zerstören, sodass das Album nicht mehr reproduziert werden konnte[1]. Nun, das ganze könnte einfach nur eine nette Anekdote sein, wenn nicht Jean Michel Jarre, der Urheber dieses Unikats, zwei gewichtige Worte gesagt hätte. Was war los? Das Album wurde vor der Auktion ein einziges Mal in voller Länge im Radio gespielt. Jarre gab dem Sender die exklusive Erlaubnis und kommentierte das Geschehen für die Hörer mit der Anmoderation „Piratez Moi!“[2] (Raubkopiert mich!).

Jarre hat damit einen Denkanstoß geliefert, der auch fast 30 Jahre später nicht an Bedeutsamkeit verliert. Denn im Jahre 2012 ist die Debatte um das liebe Urheberrecht, Raubkopien und die Maschinerie der Musikindustrie aktueller denn je. An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass mir durchaus bewusst ist, wie komplex und undurchsichtig etwas wird, wenn Juristerei auf eine milliardenschwere Wirtschaft trifft, der brave Michl dazwischen. Auch weiß ich, dass nicht jeder in dieser Sache mitreden kann. Deshalb will ich mich an dieser Stelle kurz vorstellen. Ich bin junge und idealistische 20 Jahre alt, das zweite Kind in meiner Familie und studiere derzeit in einer mittelgroßen deutschen Stadt Informatik. In meiner Freizeit mache ich Musik. Mein Leben lang gab es für mich nichts wichtigeres und seit 5 Jahren bin ich in der Hinsicht auch produktiv. Über 10 Stunden an lieblichen Klängen (andere bezeichnen es – wohl scherzhaft – als „Krach und absoluter Müll“) sind schon aus meinem Kopf entsprungen. Jede einzelne Sekunde davon ist frei im Internet verfügbar. So, das muss als Legitimation reichen. Wenn nicht, dann versichere ich dennoch, mit größter Mühe und Sorgfalt dieses Thema zu durchleuchten.

Kommen wir aber zurück zu Jarre. 2008 entschied er sich, sich offen gegen die Sperrung von Fanvideos auf YouTube mit Konzertmitschnitten und anderen Inhalten zu stellen[3]. Muss also nun der Urheber, der Komponist und Interpret von Musik sich inzwischen persönlich gegen die Löschung von Inhalten seiner Werke aussprechen und um die Anerkennung seiner Autorität bezüglich seiner Erzeugnisse bangen? Die Realität scheint hier ein wenig surreal zu sein. Und das ist sie auch.

Die meisten kennen Videosperrungen auf dieser allseits bekannten Videoplattform natürlich im Zusammenhang mit der GEMA. Beim Aufruf eines Musikvideos des Lieblingsinterpreten springt einem diese Erklärung YouTubes ins Gesicht, wie der Mageninhalt eines süßen Säuglings, das man hochheben möchte. Selbstverständlich kann man diese Sperren mit einigen einfachen Internetdiensten umgehen. Darum geht es allerdings nicht, denn die Frage, die sich stellt ist, warum der Franzose die entsprechenden Videos offiziell schauen darf und der Deutsche nicht. Auf die Sperrung eines ihrer Videos reagierte die Hip-Hop-Formation Deichkind mit den Worten „Ob Plattenfirma, Youtube oder GEMA, egal wer dafür verantwortlich ist. Wir wollen, dass unsere Videos zu sehen sind. Regelt euren Scheiß jetzt endlich mal und macht eure Hausaufgaben.Ihr seid Evolutionsbremsen und nervt uns alle gewaltig.“[4]

Damit ihr ein wenig schlauer seid und wisst, wer dafür verantwortlich ist, gibt es jetzt eine kleine Einführung zum Thema GEMA. Beginnen wir mit den Sperren auf YouTube. Seit März 2009 verschwinden dort immer wieder gewisse Inhalte, stets mit dem Verweis auf die GEMA[5]. Dabei kann man nicht wirklich davon sprechen, dass YouTube selber die Videos sperrt. Jener Internetdienst stellt ein Tool für Rechteinhaber zur Verfügung, nämlich „Content ID“[6]. Damit ist es möglich, dass man beispielsweise das selbstkomponierte Lied in die Software einspeist, danach vergleicht Content-ID automatisch die Musik mit der Audiospur aller Videos. Wenn Übereinstimmungen entdeckt wurden, dann wird je nach Wahl des Rechteinhabers fortgefahren. Es kann lediglich eine Statistik über die Verbreitung erstellt werden, oder man versucht, Geld durch die Fremdnutzung seines Liedes zu verdienen, oder es kommt eben zu einer Sperrung. Somit ist die Sperrung automatisiert und wird direkt vom Rechteinhaber veranlasst.

Was hat nun die GEMA damit zu tun? Nun, die sogenannte (Luftholen!) „Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte“ hat die entsprechenden Rechte inne. Nanu, die GEMA hat doch keine Lieder komponiert, wie geht das denn? Ganz einfach. Komponisten, Textdichter und Musikverleger übertragen die Nutzungsrechte ihrer Musik an jene Organisation[7]. Sie ist eine Verwertungsgesellschaft, was so viel heißt wie, dass sie treuhänderisch die Rechte der Urheber übernimmt und bei allem, was diese Rechte betrifft, mitmischt. Dabei hat diese Form des Vereinswesens eine Art staatlich eingesetzte Monopolstellung, obwohl es sich offiziell um einen privaten Verein handelt[8]. Grundlage dafür ist das Urheberrechtswahrnehmungsgesetz (UrhWG). Die GEMA ist also ein wenig wie eine Gewerkschaft der Musikurheber. Allerdings ist die Autonomie und scheinbare Unabhängigkeit von Recht und Gesetz vielen Menschen ein Dorn im Auge des Hörenden. Paradebeispiel hierfür ist die sogenannte „GEMA-Vermutung“[9]. Das Problem scheint klar zu sein. Die GEMA darf ganz legal davon ausgehen, dass die auf Konzerten und anderen Veranstaltungen gespielte Musik bei ihr gemeldet ist und sie die Rechte hat. Dies liegt darin begründet, weil die Gesellschaft für… usw. eben derzeit um die 65.000 Menschen vertritt und Gerichte sagen, dass das wohl die meisten derartigen Urheber sind. Kurzum: Die GEMA vertritt fast alle Urheber, deswegen darf sie einfach davon ausgehen, dass jede gespielte Musik wohl ihre Sache ist. Was folgt daraus? Nun, Veranstalter von Events sind verpflichtet, vorab eine Liste mit allen Stücken an die GEMA auszuhändigen, inklusive Komponist und Textdichter. Wenn auf der Liste also „Eric Clapton – Promises“ steht, dann muss der Veranstalter herausfinden, wer das Stück komponiert hat. In diesem Fall wären das Richard Feldman und Roger Linn[10]. Das darf man jetzt für 100 Titel recherchieren. Der aufmerksame Leser weiß jetzt zu konstatieren, dass ja der Beschuldigte, der Veranstalter, also beweisen muss, dass er nur Stücke spielt, für die die GEMA keine Rechte hat. Äh, ja, das stimmt. Es ist in der Tat eine Beweislastumkehr. In dubio pro accusatorem, wenn man so will. In Schwierigkeiten gerieten auch die Musik-Piraten. Diese wollten eine CD mit GEMA-freier Musik veröffentlichen, unter anderem, um die entsprechenden Künstler zu unterstützen und ihnen eine Plattform zur Präsentation zu geben. Die lieben Rechtevertreter meinten aber, dass sich auf der CD diverse urheberrechtsgeschützte Inhalte befinden, obwohl die Musik-Piraten einen direkten Kontakt zu den Künstlern hatten und diese eindeutig versicherten, nicht Mitglied bei einer Verwertungsgesellschaft zu sein. Die Antwort der Piraten? Eine Initiative, um die Unterschriften 65.000 Nichtmitglieder zu sammeln, die musikalische Urheberrechte haben, um aufzuzeigen, dass es viele private Komponisten und Textdichter gibt, sogar so viele, dass man nicht davon ausgehen kann, die GEMA verträte die Mehrheit[11]. Dann wäre die Beweislastumkehr ihrer Grundlage beraubt.

Gut, aber eigentlich ging es ja um YouTube und die Sperren. Es ist klar, dass es Verwertungsgesellschaften weltweit gibt. Umso unverständlicher ist es, dass nur in Deutschland so ein Murks stattfindet. Die Situation entwickelte sich wie folgt. Normalerweise bezahlen Downloadportale und Streamingdienste einen Pauschalbetrag an die Verwertungsgesellschaft. Die Forderungen der GEMA scheinen im Fall YouTube allerdings so hoch gewesen zu sein, dass der Internetdienst das nicht im Entferntesten mit Werbeeinnahmen hätte decken können, denn hier wollte man pro Klick einen gewissen Geldbetrag. Man kann sich leicht vorstellen, dass bei Millionen von Klicks auf populäre Musikvideos unvorstellbare Summen zusammenkommen[12]. Der Klickbetrag scheint derart hoch zu sein, weil die GEMA YouTube eine starke Interaktivität bescheinigt. Das heißt, wenn der Musikkonsument sich seine Musik aussuchen darf, dann ist sie teurer, auch, wenn er sonst genauso viel zufällige Musik gehört hätte. Folglich verweigert Google, der Mutterkonzern der Videoplattform, die Zahlung.

Zu den Forderungen der GEMA gehört seit Neuestem auch, dass YouTube ein paar wenige ganz bestimmte Stücke und deren Variationen gar nicht erst online stellen soll. So ein Video dürfte nicht einmal für einige Minuten bis zur Löschung online stehen. Jeder weiß natürlich, dass das Hochladen von Video gänzlich automatisch erfolgt. Somit steht selbstverständlich erst einmal jedes Werk online, egal, worum es sich handelt. Genau das will die GEMA für genau zwölf Stücke verhindern. Um das zu realisieren, müsste YouTube wirklich jedes, also wirklich jedes hochgeladene Video vorher besichtigen und kontrollieren. Also jedes, wirklich jedes Video. Das sind 48 Stunden an Film pro Minute (!)[13]. Viel Spaß dabei. Diese nette Verwertungsgesellschaft scheint also nicht ganz zu verstehen, wie das Internet funktioniert. Das sagen auch erstaunlicherweise einige Plattenbosse, die zusehen müssen, wie die Onlinevermarktung dadurch blockiert wird, wobei die Labels von der eingenommenen Gebühr der Verwertungsgesellschaft auch nichts erhalten würden, weil sie ja nicht Urheber sind, bzw. deren Rechte nicht inne haben[14].

Ach, so viel Stress mit diesem Verein. Gut, dass es Bereiche im Leben gibt, die nichts damit zu tun haben, wie der Kindergarten um die Ecke, mit den vielen unschuldigen kreischenden Kindern oder der Drucker, den man sich für die Abschlussarbeit extra angeschafft hat. Nun ja, wie soll man das jetzt am besten ausdrücken… MÖÖÖP! Falsch. Ihr fragt euch, was die GEMA mit eurem Drucker zu tun hat? Tja, das ist so einiges. Denn die GEMA verdient an jedem Drucker mit. Zwar machen in den allermeisten Fällen Leute nicht mit einem Drucker Musik, allerdings können damit Songtexte ganz einfach vervielfältigt werden. Textdichter werden schließlich auch vertreten von der Gesellschaft für… naja, von der Verwertungsgesellschaft. Und die Klage, gegen einen Importeur von Druckern und Scannern endete schließlich am Bundesverfassungsgericht[15], mit eben diesem Ende. Jetzt dürfen Importeure dieser Waren Abgaben leisten und die werden voraussichtlich wohl, wie immer, auf den Kunden umgelegt. Das klingt doch logisch. Unter anderem verdient die GEMA auch an Handyverkäufen und CD-Rohlingen[16]. Ein Wunder, dass Steine noch abgabebefreit sind, schließlich könnte man ja einen Songtext in die nächste Hausmauer ritzen… Da könnte man doch glatt meinen, GEMA stünde für „geizige Erpresser möchten alles“.

Aber es kommt noch schöner. Wie war das mit dem Kindergarten? Ach ja, der ist auch nicht frei von Tarifbindungen. Nicht, dass jemand meinen würde, das Geschrei sei wie Musik, doch wenn es um Kopien geht, läuft unser Bürokratieverein scheinbar zur Höchstform auf. Die kopierten Liedzeilen und Noten sind selbstverständlich auch gebührenpflichtig, dabei gibt es eine Mindestpauschale. Es geht also, wie die GEMA selbst so schön schreibt, nicht darum, „das Singen gar [zu] verbieten“, sondern einfach nur um die Kopien. Aber Moment mal, müssen die Lieder jetzt also auswendig gelernt werden? Anders kann man sich das ohne Liedkopie nicht vorstellen. Jetzt könnte man sagen, dass so kleine Kinder ja nicht lesen können, also brauchen sie keine Kopie. Nun, dann wären Kopien doch erst recht irrelevant und unbedeutend in ihrer Vervielfältigung, vor allem für die GEMA. Aber auch wenn nicht, Leute, es geht um Kinder, kann man da nicht mal ein Auge zudrücken, vor allem, wenn es um einen zweistelligen Betrag pro Kindergarten geht. Das mag für die Verwertungsgesellschaft ja ein kleiner Betrag sein, doch die Kindertagesstätten in Deutschland kratzen doch schon jetzt an der Existenz, da geht es um jeden Euro. Inzwischen werden mit den Bundesländern Pauschalbeträge ausgehandelt[17].

Ja, das kann schon ein wenig Unverständnis hervorrufen, diese Null-Toleranz-Politik. Toleranz versteht die GEMA auch nicht beim Thema Vorratsdatenspeicherung, wie aus dem Geschäftsbericht 2010 hervorgeht[18]. Wenn man sich durch die faszinierende Menge an Grafiken und Zahlen durchkämpft, dann hat das Dokument doch einige interessante Fakten parat. Da wird über die Arbeitslosenquote spekuliert, der Zins der Europäischen Zentralbank eingeschätzt und konstatiert, dass durch eine Zunahme des Musikkonsums im Internet zu einer „noch nicht ausreichenden Beteiligung der Urheber an den wirtschaftlichen Ergebnissen“ führt.

Nun gut, wollen wir mal nicht die anzweifeln, dass die GEMA einen Nutzen hat. Aber worin der jetzt genau besteht, das soll im Folgenden geklärt werden. Und zwar wissen wir jetzt, dass man die Nutzungsrechte an seinen Kompositionen und Liedtexten sowie die Rechte der Musikverlage an den Verein übertragen kann. Das hat insofern den Vorteil, als dass er dann darauf achtet, dass niemand die gemeldeten urheberrechtlich geschützten Werke ungefragt und kostenlos nutzt. Die Tantiemen und Gebühren werden von der GEMA eingesammelt, dazu wird noch vermerkt, wie oft welches Stück im Radio oder auf Veranstaltungen gespielt wurde. Auf diese Weise sollen die entsprechenden Berufsgruppen zu ihren Verdiensten kommen. Argumentiert wird hier damit, dass eine einzelne Person sich nicht auf alle Bereiche und jeden Veranstalter konzentrieren kann und somit die GEMA eine einfache zentrale Anlaufstelle ist, die für jeden Musiknutzer und Musikschaffenden Einnahmen und Ausgaben regelt und gerecht nach Art der Stückes, Häufigkeit der Nutzung und Anteil an der Schaffung des Stückes verteilt. Dafür gibt es in der Verwertungsgesellschaft ein Punktesystem, welches wohl verworrener ist als das in die Tasche gestopfte Kopfhörerkabel eines mp3-Players. Wer sich dafür interessiert, der darf gerne einen Blick in den Verteilungsplan werfen[19]. Die Steuererklärung ist jedenfalls einfacher. Man kann also sagen, dass die GEMA eigentlich ein ehrbares Ziel verfolgt, nämlich, dass die Urheber an ihrem Werk verdienen. Und dagegen hat im Prinzip auch niemand etwas.

Aber wer verdient wie viel? Auch da lohnt sich das Einarbeiten in den Geschäftsbericht 2010. Die Erträge betrugen im Jahr 2010 immerhin 863 Millionen Euro, davon wurden 736 Millionen an die Mitglieder ausgeschüttet. Die Aufwendungen der GEMA betrugen also etwa 14%. Auch in den Vorjahren bekam die GEMA in etwa so viel von den Einnahmen. Das ist schon keine irrelevante Menge mehr, ein gewisser Preis hat diese Maschinerie also durchaus. Übrigens macht die GEMA zu keinem Zeitpunkt Gewinn. Es dürfen lediglich die Eigenkosten gedeckt werden.

Einen Preis haben jedoch auch die Mitglieder zu zahlen. Denn nicht nur eine einmalige Gebühr von 60,84 Euro wird fällig, sondern auch noch die Jahresgebühr von 25,56 Euro. Dazu kommt, dass man als Komponist/Textschreiber auch bei der Aufführung der eigenen Werke eine Gebühr bezahlen darf, so wie jeder andere auch. Das kommt durch die Nutzungsrechte, die man der GEMA einräumt[20]. Und diese betreffen in der Regel ausnahmslos jedes Werk, welches in der Zeit der Mitgliedschaft erstellt wird, unabhängig von einer Anmeldung des Stücks. An dieser Stelle möchte ich eine Anekdote meines Musiklehrers loswerden. Er ist Jazzmusiker und Mitglied bei der GEMA und auch er komponiert Stücke (Improvisationen gehören schließlich auch dazu)[21]. Nun musste er, wenn er ein GEMA-freies Musikstück komponieren wollte, austreten, um nach der Vollendung wieder einzutreten. Alleine so war es garantiert, dass die GEMA keine Rechte an diesem Stück eingeräumt wurden. Der Musiker ist also nicht wirklich frei in seiner Entscheidung, ob er nun Rechte überträgt oder nicht, solange er Mitglied ist. So ist das in einer transparenten einfachen Verwaltung nun einmal. Aber zur Bürokratie kommen wir gleich.

Zunächst wollen wir uns mit dem Verdienst der Komponisten beschäftigen. Fälschlicherweise wird Interpret und Komponist oftmals gleichgesetzt, dies ist allerdings nicht so. Nicht jeder Musiker, der Musik aufführt, hat sie auch komponiert. Spätestens, wenn man an die Cover-Versionen der letzten Jahre denkt, wird einem das klar. Im Prinzip ist der Verdienst der Musiker selber recht gut, scheinbar sogar steigend, während die, die sich die Noten und Texte erdacht haben, wohl nach wie vor am Existenzminimum befinden, Tendenz eher negativ[22]. Ob die GEMA also einem selber etwas bringt oder nicht, das muss von Fall zu Fall entschieden werden. Für die GEMA spricht, dass sie vor allem bei Komponisten, deren Stücke oft gespielt werden, oftmals beachtliche Summen an den Kreativkopf auszahlt. Wer sein Geld nur mit dem Komponieren verdient, der ist auf diese Organisation wohl angewiesen, denn er würde es nicht schaffen, alleine seine Tantiemen einzutreiben. Die Verwertungsgesellschaft hat ihre Augen überall und schafft es, aus so gut wie jeder Richtung Geld zu erhalten. Wer allerdings nicht nur Musik schreibt, sondern sie auch aufführt, allerdings nicht sehr bekannt ist, der wäre möglicherweise besser beraten, sich die Mitgliedschaft zumindest gründlich durch den Kopf gehen zu lassen, denn GEMA-freie Töne verbreiten sich werbewirksamer und einfacher, mal erlangt schnell einen respektablen Bekanntheitsgrad und nicht zuletzt kommt man wesentlich einfacher an Auftritte. Das ist ein Punkt, der gewichtiger ist, als man denkt. Manchmal willigt ein Veranstalter nur ein, wenn die Band selber für die Gebühren aufkommt. Manchmal ist das selbstorganisierte Konzert ein Minusgeschäft[23]. Die Wahrheit ist also, wie so oft, weder schwarz noch weiß.

Aber zumindest die Bürokratie ist ein Punkt, der nur wenig streitbar ist. Dafür sind wir hier schließlich in Deutschland. Das dachte sich auch Johannes Kreidler im Jahr 2008 und „komponierte“ ein Stück aus 70200 unglaublich kurzen Musikschnipseln aus anderen Stücken, für jedes dieser „Musikzitate“ ein gesonderter Anmeldebogen für die GEMA[24], mit freundlichen Grüßen. Grund ist, dass jedes auch noch so kleine Soundsample angemeldet werden muss. Für diese schöne Protestaktion musste sogar extra ein Lastwagen angemietet werden. Eine wahre Copyright Slavery[25].

Nach dieser Beleuchtung einer Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte stellt sich die Frage, wie ging es weiter mit Jean Michel Jarre, jenem jungen rebellischen Künstler, der sein Werk zum Mitschnitt freigab? Nunja, also, wie soll ich das jetzt sagen, er verwendete diverse Stücke aus seinem Unikat in zwei nachfolgenden Alben, verkaufte diese regulär und wandte sich somit wieder der Musikindustrie zu.

Permalink: https://archiv.mircol.de/piratez-moi

 


[1] http://www.jeanmicheljarre.com/discography/studio/music-for-supermarkets-1983

[2] http://en.wikipedia.org/wiki/Music_for_Supermarkets

[3] http://aerojarre.blogspot.de/2008/04/youtube-update.html

[4] https://www.facebook.com/Deichkind?sk=wall

[5] http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,616605,00.html

[6] http://www.youtube.com/t/contentid?gl=DE&hl=de

[7] http://de.wikipedia.org/wiki/GEMA

[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Verwertungsgesellschaft

[9] http://www.internet-law.de/2011/11/die-gema-vermutung.html

[10] http://www.amazona.de/index.php?page=26&file=2&article_id=3887

[11] http://musik.klarmachen-zum-aendern.de/pressemitteilung/2011/10/08/operation_gema-vermutung-1255

[12] http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,815723,00.html

[13] http://www.googlewatchblog.de/2011/11/statistiken-rund-um-youtube

[14] http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,768816,00.html

[15] http://www.bverfg.de/entscheidungen/rk20100830_1bvr163108.html

[16] http://de.wikipedia.org/wiki/GEMA

[17] https://www.gema.de/presse/top-themen/notenkopien-fuer-vorschulische-einrichtungen.html

[18] https://www.gema.de/fileadmin/user_upload/Presse/Publikationen/Geschaeftsbericht/geschaeftsbericht_2010.pdf

[19] https://www.gema.de/musikurheber/mitgliederbereich/finanzen-abrechnungen/abrechnungen/der-aktuelle-verteilungsplan.html

[20] https://www.gema.de/de/musikurheber/10-fragen-10-antworten.html

[21] http://www.guitarworld.de/forum/gema-improvisation-ist-ein-werk-t29035.html

[22] http://musik.klarmachen-zum-aendern.de/artikel/kuenstler_deutschland_einkommen_seit_1995_um_30_prozent_gestiegen

[23] http://www.rockprojekt.de/Komposition/komposition.htm

[24] http://www.youtube.com/watch?v=VnHRgsevRTA

[25] http://www.youtube.com/watch?v=vaXR9dsQGn8

1 Kommentar

    • GhostBell92 auf 25. März 2012 bei 15:47
    • Antworten

    Ein Wunderwerk des Panflötismus (;
    Und Balsam für eine GEMA-Hasser-Seele. Da tut es mir aufrichtig Leid, dass ich keine geistreichen Worte finde, um den Artikel gebührend zu würdigen 🙁

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